Schulen in evangelischer Trägerschaft - Profil und Innovation

Referat von Prof. Dr. Wilfried Härle bei der Evangelischen Schulstiftung Stuttgart am 8.11.2012 in der Aula des Evangelischen Heidehof-Gymnasiums, Stuttgart

I. Die Programmformel: Profil und Innovation

Die beiden – m. E. gut gewählten – Leitbegriffe Ihrer Programmformel lassen an sich noch nicht erkennen, wie sie sich zueinander verhalten. Ich verstehe sie, bildlich gesprochen, als die beiden Brennpunkte einer Ellipse, die ohne einander unvollständig wären und insofern aufeinander verweisen. Deren Verhältnis zueinander aber erst noch klärungsbedürftig ist, damit das darin angedeutete Programm für Schulen in evangelischer Trägerschaft deutlich wird.

 

Ohne Profil steht die schulische Innovation in der Gefahr, zur bloßen Anpassung an gängige Trends zu werden. Das kann permanente Reformaktivitäten zur Folge haben, die nicht an ein überprüfbares Ende kommen, weil sie kein bestimmtes Ziel haben. Zugleich kann dies dazu führen, dass alle Schulen einander immer ähnlicher, und damit unprofilierter werden, wenn und weil sie alle nur denselben Standards von Zeitgemäßheit verpflichtet sind (ähnlich wie die Autokarosserien in nicht allzu ferner Vergangenheit).

 

Ohne Innovation stehen Profile und auch profilierte Schulen in der Gefahr, zu Fossilen zu werden, die sich zwar durch ein hohes Maß an Ursprungstreue auszeichnen, aber dem gegenwärtigen Bildungsauftrag (und damit den Schülern) nicht gerecht werden. Solche Profile können dann einer weltanschaulich-religiösen Identität ähneln, die in der Kindheit erworben wurde, aber (nach der Konfirmation) nicht mehr mitgewachsen, sondern stehen geblieben sind. Daraus kann sehr Unterschiedliches werden: ein Fundamentalismus, der Veränderung als Bedrohung erlebt; eine Beziehungslosigkeit (Isolierung) gegenüber dem gelebten Leben oder ein Absterben bzw. ein Abstoßen dessen, was nicht mehr zum Leben passt.

 

Das Begriffspaar: Profil und Innovation ist dazu angetan, diese Fehlbildungen zu vermeiden oder ihre Gefahr jedenfalls zu reduzieren. Dazu erscheint es mir jedoch als günstig, dass man die beiden Begriffe nicht nur additiv oder als ein "einerseits – andererseits" nebeneinanderstellt, sondern ihr inneres Verhältnis (ihre Beziehungsdynamik zueinander) reflektiert. Und hierzu sehe ich in der Voranstellung des "Profils" einen wichtigen und verheißungsvollen Ansatz. Denn mit dem Begriff "Profil" wird diejenige inhaltliche Ausrichtung bezeichnet, die dem Innovationsprozess Gehalt und Richtung gibt oder jedenfalls geben kann.

 

Dabei gehe ich davon aus (und will das im 2. Teil meines Vortrags begründen und belegen), dass für Schulen in weltanschaulich-religiöser Trägerschaft jeweils das zugrunde liegende Menschenbild die Größe ist, durch die das jeweilige Profil bestimmt wird und an dem es erkennbar wird. Für Schulen in evangelischer Trägerschaft heißt dies, dass es das evangelische Menschenbild ist, anhand dessen das Profil der Schule(n) zu bestimmen ist. Dieses Menschenbild ist jedoch keine naturwüchsige oder selbstverständliche Vorgabe, auch nicht aus irgendwelchen Texten unmittelbar abzulesen, sondern bedarf selbst der reflektierten Bestimmung anhand der Quellen des christlichen Glaubens nach evangelischem Verständnis. An dieser Profilbestimmung können, dürfen und sollen nach evangelischem Verständnis alle Christenmenschen teilnehmen – auch die Lehrer- und Schülerschaft.

 

Diese umfassende Beteiligung ist auch eine relativ gute Gewähr dafür, dass die Bestimmung des Profils im Horizont der Zeit also der jeweiligen Gegenwart geschieht – nicht ein für allemal, sondern immer wieder neu. Solche Innovation ist ein Mittel oder Weg, wie das profilgebende Menschenbild unter Bezugnahme auf die sich (rasch) verändernde Zeit zur Geltung und zur Wirkung gebracht werden kann.

II. Zeitgemäße Bildung auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes

Thesen zur Diskussion

 

1.) Bildung ist zeitgemäß, wenn sie Menschen dazu befähigt, die Zeichen der Zeit zu erkennen, auf die rasch wechselnden, unvorhersehbaren Herausforderungen der Zeit so zu reagieren, dass sie kompetent und kritisch mit ihnen umgehen können und nicht durch fraglose (unkritische) Anpassung oder mutlose Resignation zum Spielball des Zeitgeistes werden.

 

2.) Dafür ist es nötig, dass die Aneignung von Verfügungswissen und von Orientierungswissen aufeinander bezogen werden und sich soweit wie möglich gegenseitig durchdringen. Unter Verfügungswissen sind dabei die Fähigkeiten zu verstehen, die zur Bewältigung berufspraktischer und technischer Aufgaben dienen. Unter Orientierungswissen sind die Fähigkeiten zu verstehen, die benötigt werden, um sich ethisch orientieren und die eigene Lebensführung verantworten zu können.

 

3.) Bildung ist ein menschlicher Entwicklungsprozess, der nicht automatisch oder naturwüchsig abläuft, sondern sich an Bildungszielen orientiert, die – mehr oder weniger – erreicht bzw. verfehlt werden können. Bildung ist folglich ein kulturell gesteuerter Prozess, dessen Grundlagen und Ziele reflektiert und verantwortet werden müssen.

 

4.) Bei seiner Entstehung – in der mittelalterlichen Mystik – war der Bildungsbegriff mit dem biblisch-christlichen Menschenbild, insbesondere mit der biblischen Aussage von der Erschaffung des Menschen zum Bilde Gottes (Gen 1,26f.) verbunden. Mit dem wachsenden Pluralismus in unserer Gesellschaft haben sich die Menschenbilder, die den Bildungsprozess beeinflussen, ausdifferenziert, vermehrt und verändert.

 

5.) Was mit "christlichem Menschenbild" bzw. "Gottebenbildlichkeit des Menschen" als Grundlage oder Ziel von Bildung gemeint ist, versteht sich nicht von selbst, lässt sich auch nicht aus der Bibel allein ableiten, sondern bedarf sowohl der theologischen als auch der bildungstheoretischen Reflexion und einer lebensweltlichen Hermeneutik.

 

6.) Aus der Sicht evangelischer Theologie ist es wesentlich, dass das christliche Menschenbild bzw. die Gottebenbildlichkeit des Menschen nicht durch bestimmte Eigenschaften definiert wird, die der Mensch besitzt oder erwerben soll, sondern durch die Art der Beziehungen – zu Gott, zu den Mitmenschen und Mitkreaturen sowie zu sich selbst –, zu denen der Mensch bestimmt ist.

 

7.) Dabei ist die grundlegende Beziehung diejenige, die von Gott her als "Rechtfertigung", d. h. als Freispruch, Annahme und Bejahung auch angesichts von menschlichem Versagen zu beschreiben ist, und die aus der Sicht des Menschen den Charakter des "Glaubens", d.h. des daseinsbestimmenden Vertrauens hat.

 

8.) Der Rechtfertigungsglaube befreit den Menschen vom Zwang zur Selbstinszenierung, von der Fixierung auf sich selbst und seinen engen Lebenskreis. Er schafft Offenheit für andere und anderes. Er befähigt und ermutigt aber auch zum Umgang mit Scheitern sowie mit der Erfahrung eigener und fremder Grenzen und Krisen. All dies macht gemeinschaftsfähig und motiviert Menschen dazu, soziale Verantwortung zu übernehmen.

 

9.) Bildung auf der Grundlage dieses christlichen Menschenbildes geschieht in dem Bewusstsein, dass Rechtfertigungsglaube nicht von Menschen erzeugt werden kann, sondern auf unverfügbare Weise entsteht. Menschen können und sollen aber dazu ihren Beitrag leisten,

  • indem sie aus Überzeugung für die christliche Botschaft eintreten,
  • indem sie Hindernisse beim Verstehen dieser Botschaft aus dem Weg räumen und
  • indem sie Strukturen schaffen, in denen diese Botschaft erlebt werden kann.

10.) Nach reformatorischer bzw. evangelischer Überzeugung gehört das "Schule-Halten" zu den vorrangigen Aufgaben der Christen und der Kirchen, durch die sie einen Beitrag dazu leisten, dass junge Menschen auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes unterrichtet, erzogen und gebildet werden, um sich zu "tüchtigen", verantwortlichen Mitgliedern der Gesellschaft und zu Menschen, die sich selbständig religiös orientieren können, zu entwickeln.

 

11.) Das christliche Menschenbild hat für die Bildung des Menschen in mehrfacher Hinsicht weitreichende Konsequenzen:

  • Es verortet den Menschen in einem weiten Horizont und begrenzt ihn damit zugleich auf das Maß des Menschlichen.
  • Es motiviert dazu, groß vom Menschen zu denken, ohne in Hybris zu verfallen.
  • Es zeigt, dass der Mensch mehr ist und zu mehr bestimmt ist, als er selbst aus sich – oder aus anderen – machen kann.
  • Es macht den Wert keines Menschen abhängig von der Leistung, die er erbringt (gegen das neueste Untersuchungsergebnis des Sinusinstituts, laut Süddeutsche Zeitung Nr. 75, vom 29.03.2012, S. 6).
  • Es leitet an zum achtungsvollen Umgang miteinander, d. h. zum Respekt vor der Würde jedes Menschen – unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Religion, Alter etc. (Und das gilt auch für den Umgang mit anderen Geschöpfen).
  • Es sensibilisiert für die Unterscheidung zwischen der unantastbaren menschlichen Würde (als "Anrecht auf Achtung" [1]) und den gleichwohl bestehenden Möglichkeit, durch schweres Versagen diese Würde zu missachten.
  • Es ermutigt zum Entdecken, Entwickeln und Fördern eigener und fremder Begabungen und weckt so Freude an Leistung und am Gelingen.

12.) Eine evangelische Schule, die diesen Namen zu recht trägt, muss daran erkennbar sein, dass sie etwas von diesem christlichen Menschenbild und seinen Konsequenzen erkennen, spüren und erleben lässt, und zwar:

  • in ihrer konzeptionellen, Ausrichtung,
  • in ihrer spirituellen Gestaltung,
  • in ihren inhaltlichen Schwerpunkten,
  • in der Art des Umgangs mit Scheitern und Krisen sowie
  • in der Atmosphäre der Kommunikation und Kooperation

[1] Siehe dazu W. Härle, Würde. Groß vom Menschen denken, München 2010, S. 9-23, bes. S. 19-21