"Dem Lernen Flügel verleihen!"

Perspektiven und Aufgaben der Evangelischen Schulen in Stuttgart

(Impulse des Vorstands, vorgetragen im Stiftungsrat am 2. Juli 2012)

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht; ich wäre gerne Schüler an einer solchen Schule gewesen. Die Schule als ein Ort sich selbst und die Welt um einen herum zu begreifen. Lust an Leistung und Lebensfreude, Lebensmut. Freude am Lernen, am Entdecken und die Fähigkeit zu staunen.

Träum weiter, mögen manche von Ihnen einwenden. Träum weiter angesichts unseres Schulalltags und den Mühen der Niederungen. Schulen, die zu Orten des Staunens werden? Aber ich will Sie nicht zu schnell entlassen. Johannes Brenz Schule, Evangelisches Mörike-Gymnasium, Evangelisches Heidehof-Gymnasium. Das sind Namen, die ihren Klang haben in Stuttgart. Das ist aber auch Verpflichtung. Dass wir uns arrangieren mit den Gegebenheiten, dass wir uns am Mittelmaß orientieren, was sollte daran „evangelisch“ sein. Ich will Sie vielmehr fragen, was es denn braucht, damit unsere Schulen Orte des Staunens werden. Was es denn braucht, damit unsere Schulen die Lust an Leistung wecken – bei Schülerinnen und Schülern, aber auch bei Lehrerinnen und Lehrern, dem Team der Schulleitung. Was es denn braucht, damit in unseren Schulen Lebensfreude und Lebensmut mit Händen zu greifen sind.

Evangelische Schulen haben – wenn sie ihren Namen denn verdienen – Leuchtturmfunktion, sie sind Wegzeiger, Markenzeichen. Unter dem Motto „Dem Lernen Flügel verleihen!“ hatte die Robert-Bosch-Stiftung mit den eingangs zitierten Worten den diesjährigen Deutschen Schulpreis ausgeschrieben. Gesucht werden Schulen, heißt es in der Ausschreibung, die mit ihren Ideen und Konzeptionen öffentlich und bundesweit Vorbilder für Schulentwicklung in Deutschland sein wollen. Den Hauptpreis gewonnen hat ein Gymnasium in den neuen Bundesländern, die Evangelische Schule Neuruppin. Die Auszeichnung beschreibt Qualitätsmerkmale einer guten Schule: „Leistung, Umgang mit Vielfalt, Unterrichtsqualität, Verantwortung, Schulleben, Schule als lernende Institution.“

Lassen Sie mich von diesen Merkmalen das letzte herausgreifen: Schule als lernende Institution. Ich habe mitunter den Eindruck, dass unsere evangelischen Schulen in der öffentlichen Wahrnehmung in Kirche und Gesellschaft schon immer da waren. Ich höre mitunter von unseren Lehrkräften, wir seien Vorreiter. Ich frage kritisch zurück: Haben wir uns nicht eingerichtet im Konzert der Stuttgarter Schulen? Solange die Anmeldezahlen stimmen, warum sollten wir uns bewegen wollen? Was aber treibt uns an? Und wo wollen wir hin? Die Antwort darauf werden wir nur finden, wenn wir uns der Frage stellen, warum es uns eigentlich gibt, was denn unser Auftrag ist, was denn evangelisch ist an unseren Schulen.

Auf diese Frage antwortete eine Lehrerin, wenn jemand einen Fehler gemacht habe wie Margot Käßmann, dass der dann nicht gehen muss, das sei evangelisch. Oder eine andere: Dass jeder noch so schräge Vogel bei uns seinen Platz hat, das sei evangelisch. Der Anspruch, niemand dürfe verloren gehen, findet in solchen und ähnlichen Äußerungen seinen Ausdruck. Niemand soll verloren gehen, das ist sicherlich evangelisch. Den einzelnen sehen, ihm nachgehen, fragen, was brauchst du, um aufgrund deiner Begabungen und deiner Leistungsbereitschaft den bestmöglichen Abschluss zu erlangen, ist sicher evangelisch.

Für mich kommen drei Gesichtspunkte hinzu, die ich in Stichworten nennen will: Freiheit, Verantwortung, Gemeinschaft. Weil ausnahmslos jeder als Person ein von Gott geliebtes Geschöpf ist und im Glauben an Jesus Christus, dem auferstandenen Herrn allein unterstellt ist, bin ich frei gegenüber den Ansprüchen anderer. Ich bin ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan, so hat es Luther gesagt. Da dies aber ausnahmslos für alle – also nicht nur mir allein – gilt, ist der zweite Satz Martin Luthers ebenso wahr. Ich bin ein dienstbarer Knecht und jedermann untertan. Freier Herr und dienstbarer Knecht, damit eine Gemeinschaft, damit auch unsere Schulgemeinschaft verbindlich und verlässlich bestehen kann und nicht jeder für sich das rausholt, was rauszuholen ist und in der Folge der Mensch dem Menschen zum Wolf wird. Um in der Freiheit zu bestehen, braucht es einen verbindlichen Rahmen.

Eine evangelische Schule ist eine wahrhaft menschliche Schule in Freiheit, Verantwortung und Gemeinschaft.

Das durchzubuchstabieren lade ich Sie ein, in den Dienstbesprechungen mit den Schulleitungen, den Schulleiterpersonalgesprächen, in den Gesprächen mit der MAV, den Lehrkräften und Eltern. Im November plant der Vorstand eine Auftaktveranstaltung zu diesem Themenkomplex mit Professor Wilfried Härle. Wir wünschen uns einen breiten Diskurs zur evangelischen Profilierung unserer Schulen.

Bis zu den nächsten Kirchenwahlen wollen wir darüber hinaus die Schulstiftung und ihre Schulen mit deren Bildungskonzept im Kirchenkreis thematisieren. Eine informelle Arbeitsgruppe ist zurzeit an diesem Fragenkomplex dran.

Im Leitbild der Evangelischen Schule Neuruppin heißt es: „Lehren ohne Liebe macht müde. Lernen ohne Liebe macht blind. Leistung ohne Liebe macht erbarmungslos. Erfolg ohne Liebe macht einsam.“ Was die Jury des diesjährigen Schulpreises beeindruckt hat fasst Professor Michael Schratz zusammen: „Die Schule ist nicht traditionell religiös, aber sie legt Wert auf starke Bindungen. Das ist wichtig, denn wir wissen: Ohne Beziehung funktioniert Lernen nicht.“ Auch unsere Schülerinnen und Schüler brauchen Erwachsene, die sie halten, anspornen und ermutigen. Freiheit, Verantwortung und Gemeinschaft (Gemeinschaft verstanden als starke Bindungen), sollen die Eckpfeiler sein.

Schuldekan
Hans-Peter Krüger
Erster Vorsitzender