Das Evangelische Mörike-Gymnasium, ein Werk des Neuen Bauens in Stuttgart

von Judith Breuer (1991)

Das Schulhaus von Südwesten zum Zeitpunkt seiner Vollendung (Südd. Zeitung, 'Baukunst'-Beilage, 26.10.1929)

Das Gebäude des Ev. Mörike-Gymnasiums überrascht heute, nachdem in der Nachkriegszeit sachliche Architektur eine Selbstverständlichkeit geworden ist, nicht mehr in dem Maße, wie es dies während seiner Bauzeit 1928/29 und in der Zeit des "Dritten Reiches" tat. Auf den ersten Blick hält man die Schule für einen Bau der Zeit nach 1945, doch bei genauerem Hinsehen enthüllt sich sein architekturgeschichtlicher Stellenwert.
 
Der heutige Bau in der Arminstraße nannte sich ursprünglich Evangelisches Töchterinstitut. Er beherbergte eine private Mädchen-Realschule, die aus dem bisherigen Schulgebäude in der Paulinenstraße, das für seine 720 Schülerinnen zu klein geworden war, 1929 hierhin übersiedelte. Der Neubau ermöglichte es dem Institut, eigene Unterrichtsräume für Physik, Chemie, Gesang, Zeichnen und Haushaltslehre sowie eine Turnhalle und einen Schulhof anzubieten.
 
Mit der Planung und Bauausführung war der 1878 in Stuttgart geborene Emil Weippert beauftragt, ein bislang noch weitgehend unbekannter Architekt. Seine Initiale nebst Baumeisterwinkel ist heute noch rechts des Haupteingangs zu sehen. Als Weippert mit der Planung begann, hatte die Neue Sachlichkeit in Stuttgart gerade einige wenige spektakuläre Bauten hervorgebracht: 1925/26 das Hahn & Kolb-Haus in der Königstraße von Albert Schieber, 1927 die Weißenhof- Siedlung, an der namhafte Architekten wie u.a. Ludwig Mies van der Rohe und Richard Döcker mitwirkten, 1927/28 der Tagblatt-Turm von Eugen Otto Oswald und gegenüber das ebenfalls ab 1927 errichtete Kaufhaus Schocken von Erich Mendelsohn sowie 1929 das Stadtbad Heslach von Franz Cloos und F. Fischle. Exponent des Neuen Bauens in Stuttgart war Richard Döcker, der ein landschaftsbezogenes, die Topographie berücksichtigendes Bauen in Gestalt einer Mischung aus Turm- und Terrassenhäusern befürwortete.

 

In seinem Schulbau beweist sich Weippert als "Döckerianer", also als Vertreter der württembergischen Variante des Neuen Bauens. Charakteristisch dafür sind die terrassenartig in den von der Armin- zur Mörikestraße steil ansteigenden Hang gestaffelte Anlage des Winkelbaus mit einem den Eingang betonenden Eckturm.
 
Die damalige Presse war für den neuen Schulbau des Lobes voll. "Man darf wohl sagen, daß dieser Neubau das modernste und zweckmäßigste Schulhaus in Stuttgart ist", schrieb am 10. Oktober 1929 die "Württembergische Zeitung"; in der Ausgabe des "Schwäbischen Merkur" vom gleichen Tag war zu lesen, "daß hier mit einfachsten Mitteln und größter Sparsamkeit eine mustergültige Schöpfung zustande gekommen ist, die einen wesentlichen Fortschritt für das Stuttgarter Bildungswesen bedeutet."

Gestalterische Schwerpunkte

Perspektivische Ansicht des Schulbaus, Zeichnung von Architekt Emil Weippert aus dem Baugesuch von 1928

Architekt Weippert orientierte den drei- bis viergeschossigen Haupttrakt parallel zur Arminstraße, gab ihm ein flaches Walmdach und öffnete ihn in großen, liegend rechteckigen Fenstern. Zweibündig angelegt, beherbergt dieser Trakt an seiner Südostseite, also zur Arminstraße, zweiundzwanzig auf rund dreißig Schülerinnen zugeschnittene Klassenzimmer und jenseits der breiten Mittelflure in Richtung Schulhof, bzw. Hang, damals und z.T. auch heute die Lehrküche, den Chemie- und Physiksaal sowie Lehrer- und Besprechungszimmer. An der Südwestecke des ersten Obergeschosses waren der Gesangssaal, darüber der Handarbeitssaal (heute Lehrerzimmer) untergebracht, von dem aus die kleine Terrasse über der Eingangsvorhalle zugänglich ist.
 
Der zweite, in den Hang gebaute, von der Staffel zur Mörikestraße flankierte Trakt birgt im Erdgeschoß die Turnhalle und darüber den an seinen schmalen hohen Fenstern ablesbaren Festsaal mit Empore. Oberer Abschluß ist eine etwa 250 qm große begehbare Terrasse. Der Bau ist dabei so organisiert, daß Turn- und Festhalle - dank eines zweiten Treppenhauses - ohne Betreten des Schultraktes benutzt werden können. Von der Turnhalle bestand ein direkter Zugang zum Schulhof, der zur Mörikestraße durch eine Stützmauer, ehemals mit Wandelgang, getrennt ist.

 

Gestalterischer Schwerpunkt der Zweiflügelanlage liegt auf der Südwestecke mit einer hohen Pfeilerhalle, hinter der sich der Haupteingang befindet, und einem flach gedeckten turmartig aus dem Gebäude heraustretenden Baukörper, der durch eine Fahnenstange und eine Uhr ausgezeichnet ist. Er birgt das zweite Treppenhaus, im ersten Stock die Festsaalbühne, im zweiten Stock die Bibliothek und im dritten Stock den Zeichensaal mit breiter Nordlichtfront.

 

Erstellt ist das Schulhaus als Stahlbetonrahmenbau mit Stahlbetondecken und - in Beachtung des Brandschutzes - Treppen aus Stahlbeton. Die Außenfassaden sind (bis auf Teile der Hoffront) mit hellgelblichen Klinkern, hergestellt in Gießen, verblendet, wobei die aus rötlichem Kunststein gearbeiteten Simse und das ehemals mit Kupfer gedeckte Walmdach des Haupttraktes ein leichtes Farbspiel bewirken, bzw. bewirkten. Die breiten Fensteröffnungen füllten ursprünglich sprossierte Schiebefenster aus amerikanischem Kiefernholz, die schon bald nach Vollendung des Baus dunkel gestrichen und in jüngerer Zeit durch weniger stark unterteilte Fenster ersetzt wurden. Gestalterisch nicht zu unterschätzen sind auch die Fallrohre, die die Fassaden regelmäßig untergliedern.

Renovierungen

"Luther mit Schülerinnen" in der Eingangsvorhalle, geschaffen 1929 von Emil Brüllmann, Relief in Majolika-Technik.

Bei den Renovierungen in den letzten Jahrzehnten, die vorletzte fand 1976 bis 1978 im Zusammenhang mit der Erstellung des Erweiterungsbaus statt, hat insbesondere die Eingangshalle gelitten. Die zweite Treppe, die u.a. den Festsaal andiente, war ursprünglich frei aus der Vorhalle hochgeführt worden. Später wurde dann eine Trennwand eingezogen und diese mit einer zum Gesamtbild nicht passenden Holzverschalung versehen. In diesem Zusammenhang erweiterte man das Portal von der Vorhalle in Richtung Klassentraktflur und ersetzte es durch eine Glaswand mit Türöffnungen. Auch wurde das Sims über dem Portal zur Turnhalle abgeschlagen und die ursprünglich verklinkerte Wand mit einem Rauhputz versehen. Dabei blieb zum Glück das Majolika-Relief des Stuttgarter Bildhauers Emil Brüllmann (1902 - 1988) erhalten, welches 1929 zwei Freunde der Schule stifteten und das in freier Auffassung Luther, fünf Mädchen unterrichtend, damit also die ursprüngliche Bestimmung des Gebäudes anschaulich darstellt.
 
Den originalen Raumeindruck vermitteln weitgehend noch die Flure mit den hell gekachelten Brüstungen, sowie das Haupttreppenhaus mit Wangen und Untersichten aus rohem Schalbeton.

Der schönste Raum

Der Festsaal im Jahre 1929

Der schönste Raum des Hauses ist nach wie vor der etwa 600 Personen fassende Festsaal mit Bühne. Er zeichnet sich aus durch eingezogene Strebepfeiler und die an drei Seiten umlaufende freitragende Empore, die an der rückwärtigen Schmalseite eine expressionistisch abgetreppte Unterfangung aufweist. Ursprünglich zeigten Pfeiler und Emporebrüstungen eine gestockte Betonoberfläche, die spätestens in der vorletzten Renovierungsphase einen deckenden Anstrich erhielt. Die ehemals als bemerkenswert eingeschätzte Holzbalkendecke mit eingebauter Beleuchtung und Belüftung wurde in der vorletzten Renovierungsphase entfernt und durch eine abgehängte Decke ersetzt. An die Stelle der staffelartigen Wangen der rückwärtigen Treppen zur Empore traten in den fünfziger Jahren zeittypische Metallgeländer. Das originale hölzerne Klappgestühl mit schalenartigen Sitzen ersetzte man im Zuge dieser Renovierung durch ein einfacheres hölzernes Klappgestühl. Die bei der Eröffnung des Schulgebäudes von der Presse mehrfach lobend erwähnte farbige Fassung des Saals wurde bereits in der ersten Renovierungsphase verändert. Dabei erhielt auch die kassettenartig gefelderte Wandvertäfelung, die im Erstzustand ein Schälfurnier aus vermutlich amerikanischer Kiefer mit waagrecht laufender Maserung zeigte, einen hellen Anstrich.
 
Nach der soeben abgeschlossenen jüngsten Renovierung präsentiert sich der Festsaal ohne festes Gestühl; dieses wurde einer neuen losen Bestuhlung geopfert. Dagegen sind die rückwärtigen Treppenbrüstungen rekonstruiert und mit dem Restbestand der wiederverwendbaren, durch Abbeizen in den Originalzustand zurückversetzten Holztafeln verkleidet. Die übrigen Saalwände haben eine neue, dem Altbestand entsprechend gegliederte Holzvertäfelung mit hellgrauer Oberfläche erhalten. An ihrem angestammten Standort auf der rückwärtigen Empore schließlich erhalten geblieben ist die Orgel, ein Werk der Firma Friedrich Weigle in Echterdingen, die wegen ihres Spielumfangs von zwei Manualen und ihres sachlich gestalteten Prospektes in der zeitgenössischen Presse lobende Erwähnung fand, wobei die 1960 aufgebrachte rote Lasur ihres Gehäuses, dessen Kiefernfurnier ursprünglich sichtig war,  erneuert wurde.
 
Das Ev. Mörike-Gymnasium als typischer Bau der Neuen Sachlichkeit ist gut überliefert. Als Dokument des Neuen Bauens auf dem Sektor der Stuttgarter Schularchitektur hat er Seltenheitswert. Das ehemalige "Töchterinstitut" und die nur wenige Tage später eröffnete Handelsschule in der Rotebühlstraße, ein ebenfalls sachlicher Bau, fanden nämlich keine unmittelbare Nachfolge in Stuttgart. Ende 1929 setzte bekanntlich ein wirtschaftlicher Niedergang, verbunden mit einem Rückgang der Bautätigkeit ein, und 1933 folgte die verordnete kulturelle Verarmung, wobei das Neue Bauen, vordergründig wegen des Flachdachs, verteufelt wurde. Damit war vorerst das sachliche Bauen schlechthin in Deutschland gescheitert. Im Schaffen des Architekten Weippert selbst blieb dieser moderne Bau ohne Folge; das von ihm 1936 gegenüber erstellte Doppelwohnhaus Arminstraße 23/25 ist wesentlich traditioneller gestaltet.

 

In Erkenntnis der architekturwissenschaftlichen und künstlerischen Bedeutung des heutigen Mörike-Gymnasiums ist das Gebäude seit 1985 als Kulturdenkmal ausgewiesen. Damit ist eine Voraussetzung erfüllt, den Bau künftigen Generationen zu erhalten. Wenn das Haus zudem noch weiterhin im Besitz der Traditionsschule bleibt, steht es gut um die Sache des Baudenkmals "Mörike-Gymnasium".

Quellen und Literatur:

  • Baugesuch vom 18. April 1928. 
  • Änderungsbaugesuch vom 8. September 1928.
  • Ein mustergültiger Schulneubau, in: Schwäbischer Merkur Nr. 475 vom 10.10.29.
  • Neubau des evangelischen Töchterinstituts, in: Stuttgarter Neues Tagblatt Nr. 475 vom 10.10.29.
  • Ein freundliches Schulhaus, in: Süddeutsche Zeitung Nr. 474 vom 10.10.29.
  • Das modernste Schulhaus in Stuttgart, in: Württembergische Zeitung Nr. 238 vom 10.10.29
  • Das neue evangelische Töchterinstitut, in: Schwäbischer Merkur Nr.484 vom 15.10.29.
  • Ein Festtag der Evang. Töchterschule, in: Süddeutsche Zeitung Nr. 483 vom 15.10.29.
  • Neue Stuttgarter Schulen. Evang. Töchterinstitut, in: Süddeutsche Zeitung, Beilage: Baukunst und Bauhandwerk von 26.10.29.
  • Frank Werner: Stuttgarter Architektur bis 1945. in: Stuttgarter Kunst im 20.Jahrhundert, Stuttgart 1979. S.181 183, 188-197.
  • Siegfried Bassler/ Stefan Hammer: Heimatbuch Heslach, Stuttgart 1985 S. 64.
  • Liste der Kulturdenkmale der Stadt Stuttgart, aufgestellt vom Landesdenkmalamt, Stand 1985

 

aus: Vom Töchterinstitut zum Gymnasium. 1841 - 1991: Ein Schulbuch (150 Jahre Evangelisches Mörike-Gymnasium Stuttgart), Stuttgart 1991